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In einem der ersten Bücher über Osterode aus der Zeit nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten fand ich folgenden kleinen Absatz:

...wer nicht arbeitet, ...

Menschen mit Behinderungen im Jahr 1933. In Osterode. Merkwürdige Begriffe: "Krüppelfürsorge" - "Krüppelarzt" - "Anstaltsbehandlungen". Wer wird überwacht? "Geisteskranke" - "Taubstumme" - "Epileptiker" - "Trinker". Und mit welchem Ziel? "Nutzbringende Beschäftigung" - Unterbringung, ohne "Schädigung für die Allgemeinheit".
Über Osterode hab´ ich ja nun ziemlich viele Bücher und die aus der Stadtbibliothek kenne ich auch halbwegs. Aber über dieses Thema war mir, auf Osterode bezogen, bisher so gut wie nichts bekannt. Und ist es bis heute eigentlich auch nicht.
Obwohl ich gesucht habe. ...aber ein bißchen ist es schon:

Aktendeckel - Stadtarchiv

Ein Aktendeckel (der Polizeiverwaltung!) aus dem Osteroder Stadtarchiv. Er enthält Listen und Aufstellungen von "nicht normgerechten" Menschen, die in der Zeit von 1898 bis 1936 - dort enden die Aufzeichnungen - in Osterode gelebt haben. Nicht in "Heilanstalten", wie z.B. in Göttingen, sondern zu Hause bei ihren Familien.

Was wurde dort erfaßt? In einer Aufstellung von 1928 werden beispielsweise 13 Personen aufgeführt, mit Namen, Geburtsdatum, Religion, beruflicher Tätigkeit (z.B. "Dienstmagd", "Arbeiter", aber auch "Sohn" oder "Tochter"), Adresse, Erkrankung ("Geistesschwäche", "Idiotin", "Epilepsie"), Datum der Entmündigung (hier: niemand!), der Frage, ob der Betreffende "gefährlich" sei (hier: niemand!), ob die Versorgung ausreichend sei (hier bei allen: ja), ob die Heilbarkeit ausgeschlossen sei (hier bei allen: ja), ob Anstaltspflege notwendig sei (hier bei allen: nein), sowie einer letzten Spalte für ärzliche Vermerke.

Deckblatt 1933

Hier z.B. das Deckblatt der Aufstellung von 1933, eine ´Übersicht über die in Osterode (Harz) vorhandenen Epileptiker und Idioten pp. die nicht in einer Anstalt untergebracht sind.´

1933 - Behördliche Anfrage...

... und die Antwort

1933. Soweit nichts, was zu der damaligen Zeit ungewöhnlich gewesen wäre. Die jährliche Überprüfung des Verzeichnisses, ob die erhobenen Angaben noch aktuell waren und ob die Liste komplett sei. So wie 1932, 1931, ... Eine kleine Änderung gab es erst 1935, verordnet vom Regierungspräsidenten, versehen mit dem deutlichen Hinweis auf entsprechende Kontrolle:

Sterilisation?

Denn: Schon kurz nach der Machtergreifung gab es ein neues Gesetz:

Titelblatt des ´Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses´ von 1933

Die gesetzliche Grundlage für Zwangssterilisationen und letztendlich die Rechtfertigung für die Ermordung von Menschen.
Und die Anweisung wurde befolgt:

Neue Spalte - 10a

Neue Beschriftung

Zwischen Spalte 10 ("Datum der gerichtlichen Entmündigung") und Spalte 11 ("Ist der Kranke gemeingefährlich?") wird eine neue Rubrik 10a eingefügt, betitelt mit: "Sterilisiert gemäß Gesetz vom 14. Juli 1933".

Die neue Spalte 10a

Hier die neue Spaltenüberschrift der Aufstellung von 1936 und die Liste von 1937. Aus Osterode bisher das älteste Exemplar aus der NS-Zeit zu dieser Thematik, das im Stadtarchiv vorhanden war. Wenn ich mal dazu gekommen bin, dem Kreisarchiv einen Besuch abzustatten, folgt vielleicht mehr... In dem Band ´Osterode´, herausgegeben von Jörg Leuschner, finden sich 3 Seiten (von fast 800), die auf die Situation und die Verfolgung von Menschen mit Behinderungen in Osterode eingehen, mit Verweisen auf das Kreisarchiv (Seite 529 ff). Meines Wissens bisher die einzige lokale Buch-Quelle zum Thema (über Hinweise, daß ich mich irre, wäre ich dankbar). Danach wurden im Landkreis Osterode von 1934 bis 1945 169 Frauen und 229 Männer sterilisiert. Aus dem Stadtgebiet waren es 37 Frauen und 37 Männer. Bei Widerstand gegen die Verurteilung durch das `Erbgesundheitsgericht´ wurden Zwangsmaßnahmen angewendet. Und es gab Widerstand.




Ab 1940 folgte dann das,
was im heutigen Sprachgebrauch unter der Bezeichnung `EUTHANASIE´ verstanden wird,
das planmäßige und systematische Ermorden von Menschen mit Behinderungen.

Ob auch Menschen aus Osterode wegen ihrer Behinderung ermordet wurden, ist bisher nicht bekannt.



Einer, der überlebt hat, ist ERICH PAULICKE, geboren am 16.07.1926 in Osterode.



Quellenverzeichnis / Literatur zum Thema:

  • Stadtarchiv Osterode, mit besonderem Dank an Herrn Ekkehard Eder
  • Der Kreis Osterode am Harz, Fritz Drescher (Ltd. Red.), Kiel, 1933
  • Ernst Klee - `Euthanasie´ im NS-Staat, Die ´Vernichtung lebensunwerten Lebens´, Frankfurt, 1985
  • Ernst Klee (Hrsg.) - Dokumente zur `Euthanasie´, Frankfurt, 1985
  • Erich Paulicke, VHS (58 min.), Rotenburger Werke, 1990
  • Jörg Leuschner (Hrsg.) - Osterode - Welfensitz und Bürgerstadt im Wandel der Jahrhunderte, Hildesheim, 1993
  • Bild-STÖRUNG! - Der lange Weg vom Tollhaus zur Werkstatt für Behinderte (Ausstellungskatalog), BAG WfbM, Frabkfurt, 2001
  • Die Gegenwart der Vergangenheit - Spiegel Spezial, 01/2001



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