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Kämpfe am `HARZHORN´

Der Höhenzug `Harzhorn´ von Südosten aus gesehen

Das `Harzhorn´. Ein kleiner Höhenzug in West-Ost-Richtung, etwa sieben Kilometer südwestlich von Seesen gelegen. Sechs Kilometer nordwestlich liegt Bad Gandersheim, die A7 verläuft in unmittelbarer Nähe.

Hier hat ein Kampf stattgefunden.

Soviel ist sicher.


Alles, was hier jetzt folgt, ist es nicht...



Wir schreiben das Jahr 235 nach Christi Geburt.

Eine römische Armee unter dem persönlichen Oberbefehl des Kaisers Maximinus Thrax marschiert durch Germanien ...



... und das Ziel ist Rache!




Geschichte? Oder nur eine Geschichte?


Wer weiß... Hier jedenfalls nur eine Geschichte. Ich hab´ mir den Platz angeschaut und so wie oben beschrieben könnte ich´s mir vorstellen. Die Archäologen sind jedenfalls kräftig dabei, zu graben, zu vermessen, zu kartieren, zu bestimmen, ... Es ist wie ein Riesenpuzzle, von dem man weiß, daß der Großteil der Puzzlestücke fehlt und man nun trotzdem versuchen muß, die wenigen Teile, die man hat, soweit wie möglich zusammenzusetzen, um vielleicht das Bild erkennen zu können, was sich ergeben würde, wenn man alle Teile hätte...


Hier nun ein paar dieser Puzzleteile in Form von Stichworten, Karten, antiken Quellen. Und natürlich Fragen und Anmerkungen. Anmerken möchte ich auch gleich, daß ich absolut kein Historiker bin, eigentlich null Ahnung und kaum Hintergrundwissen habe, fast nur durch das Internet und einige vergilbte (aber auch aktuelle) Bücher informiert bin (und, zugegebenermaßen, durch eine Abendveranstaltung der örtlichen Kreisvolkshochschule) und das Ganze hier nur mache, weil ich´s sehr spannend finde. Und ich denke, der Fund ist es wert...



Der Ort

Das Harzhorn ist ein markanter Geländesporn am östlichen Ende eines längsgestreckten Höhenzuges, der sich westlich des Harzes über ca. sechs Kilometer in West-Ost-Richtung erstreckt. Von der höchsten Erhebung (ca. 330 m) schließt sich nach Osten ein Tal mit einem Bachlauf an. Nach diesem Tal (tiefste Stelle etwa 190 m) steigt das Gelände östlich wieder an. Durch dieses Tal, bzw. westlich oberhalb des Tales unmittelbar am Fuß des Harzhorns, führt ein Weg. Eine Straße. Heute sogar die Autobahn A7. Eine wichtige, eine alte Nord-Süd-Verbindung. Um zu belegen, wie alt, fehlen mir leider die entsprechenden Karten, aber zur Verdeutlichung hier ein paar Beispiele:

Kartenausschnitt, etwa 1800

Eine Karte etwa aus dem Jahr 1800. Gut zu erkennen: Der schmale Einschnitt zwischen den Hügelketten. Das Harzhorn ist mit dem Kreis markiert.


Kartenausschnitt, etwa 1836

Eine Karte von 1836. Hier ist deutlich die Straße Seesen-Northeim verzeichnet, die direkt am Harzhorn entlangführt. Die Straße rechts im Bild ist dann bereits die Nord-Süd-Verbindung, die am Harzrand entlangläuft.


Kartenausschnitt, etwa 1960

Das Gelände um 1960. Noch ohne Autobahn, aber mit der Bundesstraße 248. Schön ist zu erkennen, wie die Straße vom Harzhorn in dem schmalen Durchlaß quasi `zur Seite gedrückt´ wird. Neuere Karten hab´ ich zwar, zeig´ ich aber nicht, sonst gibt´s Ärger mit dem Copyright, denke ich...




Die Zeit

Ich hatte oben geschrieben: `Jahr 235 nach Christi Geburt´. Woher weiß man das? Man weiß es nicht. Indizien gibt es. Hinweise. Und einige wenige antike Quellen (die aber auch nicht unbedingt wörtlich genommen werden können), die mehr oder weniger `passen´ könnten:

  • Gefundene Münzen. Z.B. ein abgegriffenes Exemplar aus der Zeit des Kaisers Commodus, der von 180 bis 192 n.Chr. regierte. Sechs Silberdenare, geprägt unter Caracalla, Elagabal und Alexander Severus zwischen den Jahren 211 bis 226 n.Chr..
  • Ein gefundenes Endstück eines Messerfutterals, das erst ab Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. entstanden sein kann.
  • Organische Reste in gefundenen Waffenteilen (z.B. Holzreste des Speeres in der metallenen Spitze), mithilfe der Radiocarbonmethode auf 180 bis 250 n.Chr. datierbar
  • In Verbindung dazu die zeitgenössischen Quellen (siehe nächsten Punkt)




  • Die Quellen

    Hab´ ich nicht soviel zu gefunden, aber immerhin. Ist schon spannend zu lesen und wenn man will, dann paßt es auch auf die Funde... Die `Historia Augusta´, ein Werk über etliche römische Kaiser, hab´ ich im Netz nur auf Latein und Englisch gefunden. Steht auch zu unserem Thema nicht viel drin, was sich von dem, was nun folgt, unterscheidet. Das stammt aus der `Geschichte des römischen Kaiserthums seit Marc Aurel´ von Herodian, in der Übersetung von Adolf Stahr (1858, klingt deswegen alles etwas alterthümlich, ist aber dafür copyrightfrei und deswegen googlegescannt worden...). Die Seiten stammen aus dem Siebenten Buch und berichten von Maximinus Thrax:

    Herodian über Maximinus Thrax

    geschrieben etwa um 250 n.Chr. - muß aber nicht stimmen

    Maximinus Thrax und die Schlacht im Sumpf



    Die Funde

    Ach ja, was wurde denn eigentlich gefunden? Jede Menge! Der gesamte Hügel ist mit Metallteilen quasi gespickt. Etwas Anteil daran haben natürlich auch die Kämpfe in den letzen Tagen des Zweiten Weltkriegs. Hier liegen noch Waffen und Munition, außerdem Bomben eines Fliegers, der abgeschossen wurde und hier seine Fracht noch losgeworden ist, bevor er aufschlug. Aber um diese Relikte geht es hier natürlich nicht, sie erschweren nur massiv die Arbeit der Archäologen. Es wurde bis jetzt (im Moment ist Oktober 2009) gefunden:

  • Speerspitzen (römisch)
  • Katapultbolzen-Spitzen (römisch)
  • Pfeilspitzen, zwei- und dreiflügelig (römisch)
  • das untere Ende einer Dolchscheide (römisch)
  • eine `Hipposandale´, die römische Form eines Hufeisens
  • ein Zelthering (römisch)
  • Bruchstücke von Sklavenfesseln (römisch)
  • Acht Münzen (römisch)
  • ein Fragment eines Kettenpanzers (römisch)
  • ein Teil eines Reisewagens, durch den möglicherweise die Zügel geführt wurden (römisch)
  • eine Pionierschaufel (römisch)
  • eine Axt (römisch)
  • viele Nägel (habe etwas von 450 Stück gelesen!) von Legionärssandalen (römisch)
  • eine Lanzenspitze (germanisch!)
  • Ist bestimmt nicht vollständig. Wird bei aktuellen Fundpräsentationen auch noch ergänzt.

    Fotos von den Fundstücken wären hier bestimmt schön, aber selbst hab´ ich von den gefundenen Objekten noch keine gemacht, ich verweise hier also auf die entsprechende Suchmaschinenbildersuchroutine des geneigten Seitengastes...





    Im Folgenden nun ein doch paar Fotos, aufgenommen am 05.10.2009:



    ... eine neue Touristenattraktion ...

    Grabung südlich des Weges, Fundort vieler Katapultbolzen

    Grabung südlich des Weges, Hinweisschild

    Grabungen südlich des Weges

    Das Grabungsgebiet vom südlichen Kamm aus gesehen.

    Wirkung eines Katapultgeschosses auf ein 2cm dickes Brett - ein glatter Durchschuß!

    Ein weiteres Grabungsfeld, Südseite, westlich

    Der Nordhang. Sieht hier auf dem Foto steil aus. Ist in natura richtig steil...

    Der Nordhang von Westen aus gesehen. Wirkt hier eher flach... Die Kuppe des Nordhanges, den Funden nach zu urteilen, eines der germanischen Widerstandsnester.

    Deswegen. Der Aufstieg aus Richtung Süden zum Nordhang.

    Ort, an dem etwas gefunden wurde...



    Das Harzhorn

    Versuch einer groben Fund- und Grabungs-Kartierung (aus der Erinnerung)



    Blick aus Norden auf das Harzhorn



    ... hier die angekündigten Fragen und Anmerkungen:


    Wer kam von wo?

    In den meisten aktuellen `Hergangsversionen´ wird das Harzhorn von Norden von den Römern angegriffen. Denke ich nicht. Die Römer mögen zwar aus dieser Richtung anmarschiert sein, aber ich kann mir nicht wirklich vorstellen, daß ein erfahrener Feldherr seine Soldaten diesen steilen Hang hinaufjagt. Nach dem, was ich so gelesen habe, waren Leben und Unversehrtheit der Legionäre damals so ziemlich das Wichtigste in der römischen Armee. Einen Legionär mit Kettenhemd, Panzerungen, Schild und Waffen gegen diesen Hang angreifen zu lassen, trug mit Sicherheit nicht dazu bei. Der Hauptangriff auf die Höhen dürfte deswegen meiner Ansicht nach grundsätzlich aus dem Süden gekommen sein. Dort ist der Anstieg um einiges flacher; von Westen und Osten ist der Fundlage nach ziemlich sicher attackiert worden. Daher meine Vorstellung: Die Römer passieren zum Großteil das Harzhorn, werden von hinten angegriffen, wenden sich um und greifen ihrerseits an. Möglicherweise zog der Römerzug ja auch in Richtung Norden, wurde dann auf Höhe der Nachhut angegriffen und `eroberte´ das Harzhorn dann in einer Art Zangenbewegung von Osten und Westen, wobei das Hauptheer sich schon nördlich des Harzhorns befand, den Kamm jedoch aus dieser Richtung wegen des Geländes nicht direkt angreifen konnte. Das würde dann auch erklären, warum sich am Südhang des Harzhorns bis jetzt so gut wie keine Spuren fanden. Aber das kann auch andere Ursachen haben...


    Wie stark waren die römischen Truppen?

    Man liest in den verfügbaren Quellen in der Regel von `zwei Kohorten´, bzw. von 800, vielleicht sogar 1000 Mann, die auf römischer Seite gekämpft haben sollen. Glaub´ ich schon wieder nicht. Unter Varus wurden drei komplette Legionen von den Germanen aufgerieben, ca. 15.000 Römer. Drusus (mit einem Kommando über 5-6 Legionen, die am Rhein stationiert waren, 12-9 v.Chr.) und Tiberius (5 n.Chr.) waren kurz vorher mit großen Armeen durch Germanien gezogen. Dabei erlitt Drusus aufgrund leichtsinniger Vorgehensweise große Verluste. Tiberius war vorsichtiger und erfolgreicher (aus römischer Sicht). Zu Varus´ Zeit (9 n.Chr.) galt Germanien schon fast als `befriedet´ und wurde von den Römern bis zur Elbe sozusagen als Provinz angesehen. Nach der Varusschlacht wurden am Rhein 8 Legionen stationiert, zusammen mit Hilfstruppen geschätzte 80.000 Mann. Erst Germanicus wagte es dann im Jahr 14 n.Chr., den Rhein mit zunächst ca. 30.000 Soldaten zu überschreiten und ins Innere Germaniens vorzustoßen. Ein Jahr später waren es dann sogar ca. 80.000 Mann, also fast die komplette römische Rheinarmee. Die Furcht vor diesem dunklen, unheilbringenden Land dürfte im römischen Kollektivgedächtnis auch 200 Jahre nach Varus noch lebendig gewesen sein. Deswegen glaube ich kaum, daß ein erfahrener Soldat wie Maximinus Thrax hunderte von Kilometer von der sicheren Basis entfernt in ihm unbekanntes Gebiet vordringt, ohne über ein schlagkräftiges Heer zu verfügen. Auch, wenn es sich `nur´ um einen Rachefeldzug gehandelt haben soll. Sicherlich dürften die germanischen Stämme nicht mehr so organisiert gewesen sein wie unter Arminius. Trotzdem. Ohne mindestens eine komplette Legion, denke ich, wäre Herr Thrax nicht losgezogen. Und daß er sein Heer mitten im Feindgebiet teilt, hätte ihn nur verwundbar gemacht. Also: Keine `zwei Kohorten´... Weitere Hinweise: Der Einsatz von Katapulten in der Schlacht. Diese wurden üblicherweise nur von größeren Truppenverbänden mitgeführt. Und natürlich die Anwesenheit des Imperators selbst (die ich hier einfach mal so annehme...).


    Wie stark waren die germanischen Truppen?

    Keine Ahnung. Es ist leider so, daß in der damaligen Zeit keine germanischen Chronisten existierten, die die bewegenden Ereignisse der Weltgeschichte auch einmal aus anderer Perspektive schilderten. Insofern sind wir auf die doch recht einseitigen und nicht immer neutralen Aufzeichnungen der römischen Geschichtsschreiber angewiesen. Und die haben genug damit zu tun gehabt, die Kriege ihrer eigenen Kaiser zu dokumentieren... Jedenfalls: Sie müssen sich stark genug gefühlt haben, eine römische Legion anzugreifen.


    Warum haben die Germanen angegriffen?

    Vorstellen kann ich mir eigentlich nur zwei Gründe: Entweder fühlten sie sich so stark, daß sie glaubten, den römischen Feind an dieser Stelle vernichtend schlagen zu können, oder sie waren auf Beute oder die Befreiung von Gefangenen aus und hofften, sich nach einer kurzen, aber erfolgreichen Attacke in die Wälder, Sümpfe, oder aber auf das Harzhorn zurückziehen zu können. So, wie es bis jetzt aussieht, hatten sie sich verschätzt.


    Was geschah nach der Schlacht?

    Verlorene (und nun gefundene) Legionärs-Schuh-Nägel zeigen wohl, daß die römische Seite mehr oder weniger siegreich gewesen sein dürfte und sich weiter in Richtung Leinetal bewegte. Experimental-Archäologen haben, sozusagen im Selbstversuch, herausgefunden, daß jeder Legionär allein durchs Marschieren so etwa alle 1-2 Tage einen seiner Schuhnägel verloren haben dürfte (eine komplette Legion käme da auf bis zu 100.000 Nägel im Monat). Ich denke mir nun, um das Schuhwerk nach so einer anstrengenden Schlacht wieder in Ordnung zu bringen, die Verwundeten zu versorgen, die schartigen Schwerter zu schleifen und die Versprengten aus den Wäldern zu sammeln, dürfte der Armee nach dem Gefecht eine Pause gutgetan haben. Natürlich an einem Ort, an dem sie vor weiteren unangenehmen Überraschungen in Form von Attacken rachsüchtiger Barbaren sicher waren. Dem damals üblichen Ort für Marschpausen: Einem Lager. Wird wohl schon nach gesucht, gibt´s aber noch keine Erkenntnisse. Hier mein ganz persönlicher Tip: Südliches Düderode. Etwa dort müßten nach meiner Vorstellung die Spitzen des römischen Heereszugs angekommen sein, als der Germanenüberfall begann. An der Spitze marschierten u.a. die Pioniere, die u.a. auch für den Lagerbau verantwortlich zeichneten. Und die werden kaum weitergegangen sein, als hinter ihnen der Kampf losging...

    ... to be continued ...





    Hier geht es zum offiziellen HARZHORN!




    ...und hier etwas Literatur, die in diese Seiten direkt oder indirekt mit eingeflossen ist:


  • Adolf Stahr (Übers.) - Herodian`s Geschichte des römischen Kaiserthums seit Marc Aurel (1858)
  • Armin Tille (Hrsg.) - Helmolts Weltgeschichte, Bd. 5, Italien und Mitteleuropa (1920)
  • Tacitus - Germania (Ausgabe Reclam, 1936)
  • Theodor Birt - Das römische Weltreich (1941)
  • Hans Hagemeyer (Hrsg.) - Gestalt und Wandel des Reiches (1944)
  • Emil Nack - Germanien (1958)
  • Rudolf Pörtner - Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit (1959)
  • Veit Valentin - Illustrierte Weltgeschichte, Bd. 1 (1968)
  • Siegfried Fischer-Fabian - Die ersten Deutschen (1975)
  • M. Schulze u.a. (Hrsg.) - Die Entstehung Europas (1994)
  • P.M. Perspektive Nr. 39 - Die Germanen (1995)
  • Nigel Rodgers - Die Römische Armee (2003)
  • Uta von Freeden, Sigmar von Schnurbein (Hrsg.) - Germanica (2006)
  • GEO EPOCHE Nr. 34 - Die Germanen (2008)
  • Christian Pantle - Die Varusschlacht (2009)
  • E. Lehmann, P. Petersen (Hrsg.) - Illustrierte Weltgeschichte, Bd. 1, Altertum (o.J.)
  • Duncan Hill - Das antike Rom (o.J.)



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