Ein Euthanasie-Opfer aus Osterode.

Erich Paulicke

Erich Paulicke wurde am 16.07.1926 in Osterode am Harz geboren. Sicher ist das jedoch nicht. Andere amtliche Eintragungen nennen auch den 14. oder der 17. als seinen Geburtstag. Seine Eltern waren der Schuster Hermann Paulicke und dessen Frau Anna. Gemeinsam mit drei Geschwistern Hermann, Mathilde und Fritz lebte er am Alten Schulhof, Hausnummer 4, zwischen Hellhofstraße und Martin-Luther-Platz. Fritz starb 1931 im Alter von 5 Jahren. Hermann jun. starb im Januar 1934 mit 14 Jahren. Die 1921 geborene Schwester Mathilde wurde nur 23 Jahre alt. Ihr Todesort im Jahre 1944 ist Ravensbrück. Ob sie in dem damaligen Konzentrationslager ums Leben kam, ist heute nicht mehr nachweisbar, aber sehr wahrscheinlich.

Erich blieb am Leben.

Von seiner Lebensgeschichte wäre wohl nicht viel bekannt, wenn sich nicht die Menschen, die ihn als alten Mann betreut haben, für dieses Leben und das, was ihm widerfahren ist, interessiert hätten. Sie haben seinen Lebenslauf so weit wie möglich rekonstruiert und einen Film mit ihm und über ihn gemacht. Dieser Film ist, neben den folgenden Zeitungsartikeln, Grundlage dieser Seite (und mittlerweile auch im Internet verfügbar), außerdem die wenigen Spuren, die sich im Osteroder Stadtarchiv finden. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Herrn Rüdiger Wollschläger für die Genehmigung zur Veröffentlichung der Standbilder aus dem Film und mehrerer Portraitaufnahmen.

Eintrag

Der Eintrag von Erich Paulicke in der Osteroder `Kranken´-Liste von 1934. Am Ende des Eintrages folgt der Vermerk, daß er seit dem 22.01.1934 in der Heil- und Pflegeanstalt Langenhagen untergebracht ist.

Verlegungsvermerk

Dort lebt er bis 1938. Danach folgen weitere Verlegungen: Rotenburger Anstalten, Günzburg, Kaufbeuren-Irsee. Dort werden bis 1945 etwa 2000 Menschen mit Behinderungen ermordet. Sie sterben durch Verhungern, durch Gift, durch Vernachlässigung, durch Überdosen von Medikamenten, durch Unterkühlung. Um die vielen Leichen zu beseitigen, wird noch im November 1944 ein Krematorium gebaut (allerdings, soviele Leichen wie in Grafeneck, Brandenburg an der Havel, Bernburg, Linz, Sonnenstein und Hadamar gibt es hier nicht - dort kommt man allein durch Vergasen auf etwa 70.000 - in den Jahren 1940 und 1941). Als die Amerikaner im Juli 1945 dem Töten in Irsee endlich ein Ende bereiten (fast 2 Monate nach Kriegsende - Schilder mit der Aufschrift `Typhus´ hatten sie bis dahin vom Betreten des ummauerten Anstaltsgeländes abgehalten), ist Erich Paulicke unter den wenigen Überlebenden.

Ausmusterungsausweis 1943

Ein Ausmusterungsausweis - Das einzige Foto, das Erich Paulicke als Jugendlichen zeigt. Er ist 17 Jahre alt.


Zurück in den Rotenburger Anstalten lebt er dort ab 1947 vierzig Jahre lang, ohne daß er viel von seinen Erlebnissen berichtet und auch ohne daß sich jemand dafür interessiert. Erst durch seine künstlerischen Darstellungen und die Erklärungen dazu beginnt er, seine Geschichte aufzuarbeiten. Und nun hört man ihm zu.

15.03.2000 - Gedenkstätte Hadamar

Die Kunst verjagt den Teufel

Zeitungsartikel

Standbilder aus dem Film `Erich Paulicke´ der Rotenburger Anstalten von 1990:

`... und diesen freundlichen, alten Mann hätte man damals beinahe einfach so umgebracht ...´


Erich Paulicke hat die Euthanasie der Nationalsozialisten überlebt. Ihr Opfer wurde er trotzdem.

Am 29.03.2007 ist er in seiner Pflegeeinrichtung der Rotenburger Werke gestorben.




Ich habe länger überlegt, ob ich diese Seite veröffentlichen soll. Man könnte mir zum Vorwurf machen, ich nähme die Tragödie eines Menschen und ließe die ganze Welt daran teilhaben. Und ich denke, genauso ist es. Aber genauso hätte es Herr Paulicke vermutlich gewollt. Er hat seine Geschichte selbst erzählt, und die Menschen, denen er wichtig war, haben sie festgehalten. Deshalb glaube ich, er hätte nichts dagegen, daß auch hier von ihm berichtet wird.
Fragen kann ich ihn leider nicht mehr...