Die `Osteroder Ungarn´ - Entwurzelung und Neuanfang


Von 1945 bis etwa 1950 gab es in Osterode so etwas wie eine `ungarische Kolonie´. Verwundete Soldaten, geflüchtete Familien, die Gestrandeten des Krieges - sie alle fanden in Osterode einen Ort, sich zu sammeln, durchzuatmen. Hier soll ein wenig davon berichtet werden, wie es dazu kam, wie sie lebten und was aus ihnen wurde. Als einzigartige Quelle dafür dient ein Fotoalbum, im Dezember 1950 überreicht von den Ungarn an die Osteroder Bürger als Zeichen ihrer Dankbarkeit und als Bitte, sich ihrer zu erinnern. Das soll hier geschehen.

Der Titel

Das Vorwort

Das Vorwort des Fotoalbums

Im Winter 1944 ist die Rote Armee bereits bis nach Ungarn vorgedrungen. Um ihre Verwundeten in Sicherheit zu bringen, beginnt die Ungarische Armee, ihre Lazarette nach Westen in das damals verbündete Deutschland zu verlegen. Auch große Teile der Zivilbevölkerung flüchten. Im April 1945 werden auch die kämpfenden Abteilungen der ungarischen Wehrmacht auf das Gebiet des damaligen Deutschen Reiches zurückgedrängt.
In Osterode beginnt der Einzug der Ungarn am 11. Januar 1945 mit der Verlegung des 2. königlich-ungarischen Divisionslazarettes aus Komárom in die Gebäude der Kaserne an der Bergstraße. Durch weitere Verwundetentransporte erhöht sich die Anzahl der dort untergebrachten Soldaten bald auf 1250. Es gibt dort hauptsächlich eine chirurgische Abteilung und eine für innere Krankheiten, aber auch für Hals-, Nasen- und Ohrenleiden, für Augen- und Hauterkrankungen. Es gibt die Möglichkeit zu röntgen und später entsteht eine TBC-Station.

Alliierte Luftaufnahme des Lazarettes in der Bergstraße, April 1945 (unten ist Norden)
Am 12. April 1945 besetzen amerikanische Truppen die Stadt und das Lazarett an der Bergstraße wandelt sich in ein Gefangenenlager. Einen Monat später werden 470 genesene Soldaten in ein reguläres Kriegsgefangenenlager verlegt. Im Sommer 1945 lösen dann die Engländer die Amerikaner als Besatzungsmacht ab.

Plan des Lagers `Bournemouth´ in der Bergstrasse

Eingang zum Lager in der Bergstraße Ansicht der Bergstraße - Im Hintergrund der Harz

Nahansicht des Eingangs zum Lager `Bournemouth´

1948 beginnt langsam die allmähliche Auflösung des Lagers. Die Menschen stehen vor der Frage, wohin sie gehen sollen und ob sie gehen sollen. Etliche entschließen sich, in Deutschland zu bleiben, finden Unterkunft bei Freunden, heiraten in deutsche Familien ein. Viele wandern aus, besonders nach Australien, England, die USA, aber auch nach Argentinien oder Venezuela. Die Rückkehr in ihre Heimat treten nur wenige an. Die politischen Verhältnisse hatten sich sehr verändert. Große Teile Ungarns waren nach Ende des Krieges an Rumänien gefallen. Der `Kalte Krieg´ hatte bereits begonnen und die ungarische Heimat gehörte zum Machtbereich von Stalin.
Im Sommer 1948 wird das letzte ungarische Lazarett in Osterode, das 9. Divisionslazarett aus Kolozsvár, zeitgleich mit dem 537. Kriegslazarett aus Kalocsa, stationiert im Haus `Voigtslust´ in Clausthal-Zellerfeld, nach Ungarn zurückgeführt.

Soweit die Daten, soweit die Chronologie.


Doch wie lebten nun damals die Menschen? Wie fanden sie zurück in ein `normales´ Leben, in einem fremden Land, unter schwierigen Bedingungen? Berichte darüber finden sich nicht. Auskunft geben allerdings die Fotos in dem genannten Album. Sie zeigen Menschen, die versuchen, das Beste aus ihren Lebensumständen zu machen, sich einzurichten, nach Zeiten der Flucht, des Kämpfens und des Leidens wieder Frieden, Sicherheit, `Normalität´ zu geniessen.

Ein Zimmer, die Lagerkapelle, Menschen beim Gottesdienst

An der Wand eine Landkarte von der Heimat - Karpatenbogen Die Lagerkapelle

Gläubige beim Gottesdienst in der Lagerkapelle

Das kulturelle Leben im Lager

Gesangsdarbietung Tanz

Lesung des Schriftstellers Albert Wass Klavierkonzert

Für die Kinder gab es eine Schule ...

Eingang zur Schule

Kinder im Klassenzimmer Unterricht

... und für die kleineren Kinder Kindergärten:

`Middlesex´ - `Pillerlager´ - `Bournemouth´

Kindergarten Middlesex

Kindergarten Pillerlager, Fuchshalle, 1946

Kindergarten Bournemouth

Ballettunterricht

Kindergarten Middlesex

Glaubensgemeinschaften:

Die katholische Gemeinde - Die protestantische Gemeinde

Katholische Gemeinde

Protestantische Gemeinde

Sportübungen ...

Turnübung Hochspringerin

... und natürlich Fußball!
Immerhin ist die ungarische Mannschaft wenige Jahre später eine der beiden Mannschaften des WM-Endspiels im Berner Wankdorfstadion

Fussballspiel

Die Zuschauer Die Fussballmannschaft

Fussballspiel

Eine Ansicht der Baracken - Blickrichtung Südost

Lagerbaracken

Gebäude östlich des Lagers

Steingebäude im Osten des Lagers

Geburtstag, Weihnachten, Feste ...

Ein siebter Geburtstag Der weihnachtliche Gabentisch

Weihnachten mit der Familie

Weihnachten allein

Eine Feier im Gemeinschaftsraum

Zeichnungen des Zeichenlehrers J. Szamosi:

Blick auf das Lager `Middlesex´ in Petershütte. Im Vordergrund die Söse.

Zeichnung - Lager Middlesex in Petershütte

Blick auf Osterode - St.Jacobi-Schloßkirche

Zeichnung - Blick auf St. Jacobi

Pfadfindertreffen:

Besuch der Gruppen aus Bad Harzburg, Vienenburg, Braunlage und Hohegeiss.

Pfadfindertreffen im Lager

Der ungarische Friedhof auf dem Osteroder Stadtfriedhof

Gräber gestorbener Ungarn 1949 - Gedenktag am letzten Maisonntag

Mädchen am Grab

Zeichnung - Soldatengrab 1949 - Gedenktagsäule Zeichnung - Ungarischer Soldat

Das Schlußwort das Albums:

Ungarisches Wappen - Schmuck des Schutzumschlages des Fotoalbums Schlusswort



Der auslösende Anlaß für die Erstellung dieser Seite war der Kontakt zu Herrn Geoff F. aus Brisbane, Australien. Sein Vater, Adam F., war 1948 als einer der `Osteroder Ungarn´ dorthin ausgewandert. Nun ist er auf der Suche nach einem Bruder, den er möglicherweise hier in Deutschland hat. Zur Zeit liegt diese Suche in offiziellen Händen. Falls diese erfolglos sein sollte, folgt hier eventuell demnächst ein Kapitel, um das Rätsel um `Peter´ zu lösen...

Nachtrag: Es gab dieses Kapitel etwa ein halbes Jahr lang - und es hat auf wunderbare Weise tatsächlich dazu geführt, daß `Peter´ am 24. Mai 2012 gefunden werden konnte!!! Er und Geoff und ihre Familie(n) sind sehr glücklich über die wiederentdeckte Verbindung - und ich möchte an dieser Stelle allen, die ihre Zeit geopfert und durch Hinweise zu der Familienzusammenführung beigetragen haben, für ihre Unterstützung danken.